Der Autor

Michael Robotham

Im Interview (2018)

Herr Robotham, Sie sind gerade auf Recherchereise in Europa und schauen auch in München bei uns im Verlag vorbei – wie schön! Was hat Sie inspiriert, „Die Rivalin“, Ihren aktuellen Thriller, zu schreiben?

Michael Robotham: All meine Romane sind von realen Ereignissen inspiriert. „Die Rivalin“ beruht auf einer Geschichte, über die ich als Journalist berichtete, als ich 1991 in London gearbeitet habe.

Ich wusste jedoch nicht, wie ich die Geschichte erzählen sollte, bis mir klar wurde, dass ich sie aus der Sicht zweier Frauen erzählen muss.

Dann haben Sie mir meine nächste Frage schon vorweggenommen. Ich wollte Sie fragen, warum die Hauptcharaktere beide weiblich sind.

Michael Robotham: Einer der Gründe, warum ich diese Geschichte schreiben wollte, ist, dass es in den letzten Jahren im Thriller-Genre einen Trend sogenannter „domestic noir“ Geschichten gibt. Also Bücher wie „Gone Girl“ oder „Girl on the train“. Geschichten mit starken weiblichen Charakteren und unzuverlässigen Erzählern, bei denen man sich nie sicher sein kann ob sie dir die Wahrheit erzählen oder nicht. Die in einer sehr häuslichen Umgebung spielen, womit sich viele Frauen und Männer identifizieren können.

Ich habe mich selbst vor eine große Herausforderung gestellt. Ich bin ein weißer, angegrauter Mann mittleren Jahres mit einer Halbglatze. Gelingt es mir, die Stimmen zweier Frauen einzufangen? Es geht ja nicht nur um die weiblichen Stimmen, denn auch der Inhalt des Buches ist zutiefst weiblich. Im Sinne von Ehe, Schwangerschaft, Geburt und Kinderlosigkeit. Das sind alles Themen, die für Frauen zutiefst persönlich sind, und ich wollte sehen, ob es mir gelingen würde, so eine Geschichte glaubhaft zu schreiben.

Wie haben Sie sich die Mentalität dieser Frauen aneignen können? Haben Sie sich auf irgendeine Weise vorbereitet?

Michael Robotham: Ich bin Vater von drei Töchtern. Ich habe also schon drei Schwangerschaften und drei Geburten hinter mir und bin von Frauen umgeben. Fünf meiner Bücher als Ghostwriter waren Autobiographien von Frauen. Ich habe also schon einmal aus der Sicht einer Frau geschrieben. Zusätzlich bin ich in die Welt von Mutter-und Schwangerschaftsblogs eingetaucht. Ich habe Muttergruppen belauscht und ich habe mit schwangeren Frauen gesprochen. Und als ich das Buch dann fertig hatte, habe ich all den Frauen eine Kopie gegeben. Ich wollte wissen, ob ich tatsächlich den richtigen Ton getroffen hatte. Ab und zu hatten meine Testleserinnen das Gefühl, dass manche Stellen aus der Sicht eines Mannes erzählt waren, so nach dem Motto, das würde einem Mann nie auffallen, einer Frau aber schon oder auch andersherum. Während des Schreibens dieses Buches, habe ich gelernt, Frauen zu lieben.

Darüber haben sich wahrscheinlich alle Frauen in ihrem Leben gefreut. Ich würde gerne auf ihr bevorstehendes Buch „The Other Wife“ (erscheint im Dezember 2018 auf Deutsch bei Goldmann) zu sprechen kommen. Wieso haben Sie sich dazu entschieden eine Geschichte, die sich auf das Leben von Joe O’Laughlins Vater fokussiert, zu schreiben?

Michael Robotham: „The Other Wife“ ist wahrscheinlich einer der persönlichsten Geschichten, die ich je geschrieben habe. Vermutlich weil, auch wenn es typische Thriller-Elemente gibt – wer hat Joes Vater attackiert? Warum liegt er jetzt in einem Krankenhaus im Koma? – Joe versucht herauszufinden, wer dieser Mann eigentlich ist. Sein Vater ist der wichtigste Mensch in Joes Leben, er hat sein ganzes Leben lang versucht ihn zu beeindrucken, seine Liebe und Zuneigung zu gewinnen, hat aber das Gefühl, ihm sei dies nie gelungen. Und jetzt, wo sein Vater im Koma liegt, glaubt Joe, dass er vielleicht die Chance verpasst hat, ihn jemals wirklich kennen zu lernen.

Ich hatte eine ähnliche Beziehung mit meinem Vater, der vor zehn Jahren gestorben ist. Dieses Buch ist also auch ein Weg für mich, diese Problematik aufzuarbeiten. Jedes Mal, wenn ich ein neues Buch geschrieben habe, habe ich es meinem Vater als erster gegeben, in der Hoffnung, ihn damit zu beeindrucken. Als er gestorben ist, war meine erste Reaktion: Für wen mache ich das eigentlich? Wieso schreibe ich überhaupt noch?

Joe deckt einige dunkle Geheimnisse auf. Denken Sie es ist immer besser, die Wahrheit zu wissen oder sollten manche Geheimnisse unentdeckt bleiben?

Michael Robotham: Es gibt definitiv Geheimnisse, die lieber verborgen bleiben sollten. Aber in der Kriminalliteratur besteht vieles darin, dass vergrabene Geheimnisse wieder hervorkommen. Du glaubst, sie sind vergraben, du wähnst dich in Sicherheit, aber sie können dich immer noch heimsuchen.

Das ist ihr elftes Buch in der Joe O’Laughlin Serie. Was für eine Beziehung haben Sie zu Joe aufgebaut?

Michael Robotham: Aus all den Charakteren, die ich geschrieben habe, denke ich ist Joe der autobiographischste. Weil wir gleich alt sind, im selben Jahr geboren wurden. Er hat zwei Töchter, ich drei. Wir haben einen ähnlichen Sinn für Humor und unser Sinn für soziale Gerechtigkeit und Politik ist auch ähnlich. Aber da enden die Gemeinsamkeiten auch. Weil da vor allem eine Art Wunscherfüllung herrscht. Joe ist unendlich cleverer als ich es bin. Er ist weitaus intelligenter und tapferer als ich es bin. Ich habe ihn also so geschrieben, wie ich gerne wäre.

Wird es Ihnen schwer fallen, Joe irgendwann nicht mehr in ihrem Leben zu haben? Weil Sie so viel von sich in diese Bücher und Charaktere gesteckt haben?

Michael Robotham: Im ersten Buch war Joes Tochter Charlie sieben Jahre alt. In „The Other Wife“ ist sie 20. Sie ist mit meinen Töchtern aufgewachsen. Ich habe auf eine Art und Weise das Gefühl, Joe und ich sind zusammen alt geworden. Aber es wird ein Ende geben, denn als ich Joe kreiert habe, gab ich ihm früh einsetzendes Parkinson. Deswegen gibt es einen begrenzten Zeitraum, in dem ich ihn noch benutzen kann. Also ist jedes Buch möglicherweise das Letzte. Aber ich würde ihn niemals töten.

FAQ

Sie verkaufen Millionen Bücher, Ihre Werke wurden in 28 Sprachen übersetzt. Haben Sie mit so einem Erfolg gerechnet als Sie angefangen haben Ihr erstes Buch „Adrenalin“ zu schreiben?

Michael Robotham: Nein, überhaupt nicht. Vor allem war das, was damals ablief, wie ein Traum. Viele Autoren würden einiges dafür geben, dass ihnen das passiert, was mir passiert ist: Ich bin mit gerade einmal 117 geschriebenen Seiten an Verlage herangetreten und habe sie ihnen angeboten. Was dann folgte, war ein Wettbieten der Verleger. Das ging sogar so weit, dass mein Agent mich nachts um drei Uhr anrief und mir sagte, welche Verlage wo um mich buhlen würden. Das war unglaublich! Ich hielt die Verleger wirklich für verrückt, weil ich weder einen Titel sagen konnte, noch wusste, wie das Ende oder überhaupt die weitere Geschichte aussehen würde. Für mich war dieser ganze Verlauf, als hätte ich im Lotto gewonnen, und ich musste mich das eine oder andere Mal kneifen, um zu sehen, ob es wirklich wahr war. Von heute auf morgen wurde ich plötzlich ein Vollzeit-Autor.

Wer liest zuerst Ihre Werke?

Michael Robotham: Das ist immer meine Frau Vivien. Stephen King hat einmal gesagt, dass man als Autor sechs Leute in seinem Umfeld braucht, die dein Buch lesen, und danach brutal ehrlich sind, wenn sie ihre Meinung darüber sagen. Bei Vivien weiß ich, dass sie mir immer ehrlich ihre Meinung sagt.

Sie beschäftigen sich durch Ihre Bücher sehr viel mit der „dunklen“ Seite der Menschen – was fasziniert Sie daran?

Michael Robotham: Mich interessiert weniger das eigentliche Verbrechen, sondern die Hintergründe. Was geht im Kopf des Täters vor? Aus welcher Familie kommt er? Wie ist überhaupt sein Umfeld? Ich beschäftige mich folglich mit den ganzen Ermittlungen und Recherchen rund um diese Bereiche. Denn von einer Sache bin ich überzeugt: Niemand wird böse geboren. Es gibt kein schwarz oder weiß. Umfeld beziehungsweise Gesellschaft formen. Dadurch tragen oft viele Mitschuld an einer Tat, und das schockiert die Menschen. Durch diesen Ansatz zielen meine Bücher eher auf die Psyche ab, und die Leser empfinden eine größere Angst in ihren Köpfen.

Haben Sie jemanden, der Ihnen mit seinem Fachwissen über die „menschlichen Abgründe“ zur Seite steht?

Michael Robotham: Ich habe Kontakt zu Paul Britton, einem der erfolgreichsten Kriminalpsychologen Großbritanniens. Er hat unter anderem bei der Aufklärung der Fred- und Rosemary-West-Mordserie und in dem Fall des ermordeten James Bulger, der von zwei zehnjährigen Jungen aus einem Einkaufszentrum entführt und umgebracht wurde, geholfen. Mich beeindruckt die Arbeit von Paul Britton. Ich habe mich immer gefragt, woher er die Sachen über die Täter weiß, wie er Hintergründe erforscht. In meinen Gesprächen mit ihm habe ich eine Menge darüber gelernt.

Warum haben Sie Joe mit dem Handicap einer Parkinson-Erkrankung ausgestattet?

Michael Robotham: Mich fasziniert es einfach, wenn brillante Köpfe in ihrem Körper gefangen sind. Stephen Hawking zum Beispiel ist jemand, der mir unglaublich imponiert. Er ist genial, findet die besten Lösungsansätze, doch wenn es um seinen Körper geht, muss er sich geschlagen geben. Darüber hat er keine Kontrolle. Genau so ist es teilweise bei Joe, der immer wieder Rückschläge durch Parkinson erdulden muss. Ansonsten würde ich ihn als typischen Mann bezeichnen, der mit einem besonderen Verständnis für die Menschen ausgestattet ist. Viele haben mir übrigens gesagt, dass es gemein war, Joe mit Parkinson „auszustatten“ – mittlerweile muss ich auch sagen, dass er mir so ans Herz gewachsen ist, dass ich, wenn ich ihn nochmal kreieren müsste, ihn gesund machen würde.